Nizza → Würzburg

Oder: wie man nach einer WM nicht in den Bus steigt.

7 Etappen 1.202 km 17.730 hm

Rennrad Bikepacking Alpen Hyrox

Es gibt Menschen, die nach einer Hyrox-Weltmeisterschaft in den Vereinsbus steigen, die Beine hochlegen und sich von Vera anhören, dass acht Stunden Busfahrt zu wenig Bewegung beinhalten. Diese Menschen sind klug. Markus und ich sind nicht diese Menschen.

Der Plan entstand ungefähr so: Nizza liegt am Meer, Würzburg nicht, dazwischen sind die Alpen, und wir haben Rennräder. Mehr Planung hat es nicht gegeben. Markus startete bei der WM im Double mit Vera, ich solo, und während die Mädels danach mit dem Bus nach Hause fuhren, standen wir mit zwei Rädern auf dem Parkplatz und winkten. Der Bus wurde kleiner. Wir wurden nicht klüger.

Gepäck: Rahmentasche und Arschrakete. Darin zwei Sätze Radklamotten, Regenhose, Überschuhe, Handschuhe, drei Lagen Funktionskleidung, eine Zahnbürste und eine Drohne, weil Prioritäten. Dazu eine Windweste, von der ich felsenfest überzeugt war, dass sie wasserdicht ist. Ich hatte das nie überprüft. Ich hatte es einfach beschlossen. Dieser Beschluss wird in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen.

Sieben Etappen, null Ruhetage, 1.200 km, 17.700 Höhenmeter. Alles im Hotel, denn ein Zelt hätte nicht mehr in die Arschrakete gepasst und die Drohne musste mit.

Fünf Athletinnen und Athleten im Nationalteam-Shirt vor der Porträtwand der Hyrox-WM in Nizza
Hyrox-WM in Nizza, am Tag vor dem Start.

Die Etappen

Tag Datum km hm↑ Route komoot
1 10.6. 99 2.950 Nizza → Rimplas Nizza → Lucéram → Col de Turini (1.607) → Vésubie-Tal → Col Saint-Martin/La Colmiane (1.500) → Rimplas/Valdeblore Tag 1: Auf komoot öffnen
2 11.6. 122 3.480 Rimplas → Vars Tinée-Tal → Isola → St-Étienne → Cime de la Bonette (2.770, höchster Punkt der Tour) → Jausiers → Col de Vars (2.109) → Vars Tag 2: Auf komoot öffnen
3 12.6. 116 2.960 Vars → Valloire Guillestre → Col d'Izoard (2.360) → Briançon → Lautaret → Galibier (2.620) → Valloire Tag 3: Auf komoot öffnen
4 13.6. 149 3.300 Valloire → ? Télégraphe → Maurienne → Col de la Madeleine (2.000) → Albertville → Col des Saisies (1.681) → ? Tag 4: Auf komoot öffnen
5 14.6. 246 2.040 ? → Solothurn Col des Aravis (1.487) → Annecy → Genf? → Jura → Solothurn Tag 5: Auf komoot öffnen
6 15.6. 214 1.680 Solothurn → Bad Saulgau Solothurn → Aare → Rhein → Schaffhausen → Bodensee-Hinterland → Bad Saulgau Tag 6: Auf komoot öffnen
7 16.6. 256 1.320 Bad Saulgau → Würzburg Ulm → Heidenheim → Aalen → Crailsheim → Rothenburg → Würzburg Tag 7: Auf komoot öffnen
Gesamt 1.202 17.730 7 Etappen

Tag 1 10.6.

Nizza → Rimplas

99 km 2.950 hm

Die Beine am Morgen nach einer WM fühlen sich an wie geliehen, und zwar von jemandem, der sie nicht zurückhaben will. Dafür 30 Grad, blauer Himmel, Meer im Rücken. Eine Freundin aus Sarahs Zwift-Team Beastmode fuhr mit uns aus der Stadt und über den ersten Anstieg, dann drehte sie um. Sie hatte offenbar den Plan gesehen.

Über Nizza im Straßenverkehr muss man wissen: Überholabstand ist ein Konzept, das dort nicht angekommen ist. Man fährt zu schnell, man fährt eng, und rote Ampeln gelten für alles mit weniger als vier Rädern als Deko. Wir haben es überlebt, was ich an dieser Stelle ohne Ironie festhalte. Zehn Kilometer landeinwärts ist der Wahnsinn vorbei. Der Verkehr verschwindet, die Straße wird zur Serpentine, und man merkt, dass man in einer der schönsten Gegenden Europas Rad fährt und bis eben nur aufs Überleben konzentriert war.

Col de Turini, 1.607 m, 18 km bei sechs Prozent. Der erste Pass, und er stellte ziemlich schnell klar, dass Hyrox-Beine und Kletterbeine nicht dasselbe sind, auch wenn beide am selben Körper hängen. Abfahrt ins Vésubie-Tal, kurz durchatmen, dann 20 km hoch zum Col Saint-Martin auf 1.500 m. Zwei Pässe und knapp 3.000 Höhenmeter an Tag 1 ist die Art von Einstieg, die man nur wählt, wenn man die Route nach dem dritten Bier geplant hat.

Und dann Rimplas. Ein Dorf auf einem Felsvorsprung über dem Tinée-Tal, das aussieht, als hätte jemand es dort hingeklebt, weil es sonst nirgends hingepasst hätte. Hotelterrasse, Abendessen, Blick über das ganze Tal, Sonne weg hinter den Bergen. Für einen Abend war alles perfekt. Wir haben es genossen, so wie man den letzten schönen Abend genießt, bevor man weiß, dass es der letzte schöne Abend war.

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Tag 2 11.6.

Rimplas → Vars

122 km 3.480 hm

Es gibt Morgen, an denen man begreift, warum Leute Kalender mit Bergen drauf kaufen. Dieser war so einer. Abfahrt von Rimplas ins Tinée-Tal, die Sonne noch hinter den Graten, und unten im Tal ein Café mit Kaffee und Teilchen. Für mich jedenfalls. Markus trinkt keinen Kaffee. Ich habe ihn im Lauf der Jahre mehrfach gefragt, warum, und nie eine Antwort bekommen, die vor Gericht bestehen würde.

In Saint-Étienne-de-Tinée, am Fuß der Bonette, stand dann ein Schild. Col fermé. Die höchste asphaltierte Straße der Alpen, 2.770 m, der Grund, warum diese Etappe überhaupt existiert, gesperrt. Der Umweg laut Karte: rund 300 km und ein paar tausend Höhenmeter, also ungefähr eine zweite Tour. Auf der anderen Seite wartete ein gebuchtes Hotel, und Stornieren gehört nicht zu den Dingen, die wir können. Wir haben uns angeschaut, geschätzt vier Sekunden lang, und dann war die Sache klar. An der Schranke vorbei, den Berg hoch, und der Rest ist ein Problem für später.

Gelbes Schild Route fermée am Fuß der Bonette, daneben die grüne Passanzeige Ouvert
„Route fermée“. Die Passanzeige daneben sagt „Ouvert“.

Nach einem Drittel des Anstiegs war klar, warum gesperrt war. Die Straße wurde neu gemacht, und zwar in diesem Moment, mit Walze, Asphaltmaschine und einer Handvoll Männer, die nicht damit gerechnet hatten, dass um die Kurve zwei Rennradfahrer mit Satteltaschen auftauchen. Es folgte eine Verhandlung. Unsere Position bestand aus gebrochenem Französisch, wiederholtem Zeigen auf die Räder und dem Gesichtsausdruck von Leuten, die gerade keine Alternative haben. Ihre Position war zunächst ein Kopfschütteln. Am Ende durften wir die Räder am Straßenrand am frischen Asphalt vorbeitragen, wohlgemerkt tragen, keine Reifen auf dem Teer. Zwei erwachsene Männer, jeder ein Rennrad plus fünf Kilo Gepäck auf der Schulter, im Gänsemarsch über eine Baustelle auf 1.800 m. In keinem Bikepacking-Ratgeber steht dieser Abschnitt, und ich verstehe langsam, warum.

Und dann war der Berg unser. Das ist der Teil, den keiner plant und den man auch nicht planen kann: eine gesperrte Passstraße ist eine Straße ohne Autos, ohne Motorräder, ohne Wohnmobile, die in jeder Kehre den Rückwärtsgang suchen. Nur wir, der Asphalt und Murmeltiere, die am Straßenrand saßen und uns mit dem Blick musterten, den man für Leute reserviert, die sich offensichtlich verfahren haben. Im oberen Drittel tauchte das Camp des Fourches auf, eine verlassene Alpenjäger-Kaserne von 1888 auf 2.280 m. Leere Steinbaracken, eingerahmt von Geröll und Schneefeldern, in einer Landschaft, in der auch ohne Befehl niemand freiwillig überwintert. Wir haben angehalten, fotografiert und uns kurz überlegt, wer von uns beiden hier eher gemeutert hätte. Ganz oben dann Schnee auf der Straße, eine Lawine hatte das letzte Stück begraben. Zwei Sperren hatten wir bereits ignoriert, die dritte hätte uns auch nicht mehr aufgehalten, aber der Schnee ließ sich umfahren, und so blieb uns die Diskussion mit der Natur erspart.

Die gesperrte Bonette, aus der Luft.

Die Abfahrt von der Bonette ist lang, und ich hatte bis dahin ernsthafte Zweifel, wie sich ein Rennrad mit fünf Kilo hinter dem Sattel bei 70 km/h in Kehren benimmt. Es benimmt sich besser als erwartet. Auf dieser Tour ist das die höchste Auszeichnung, die etwas bekommen kann. Unten in Jausiers wäre ein vernünftiger Mensch abgestiegen, hätte sich in ein Café gesetzt und den Tag für gelungen erklärt. Wir sind weiter, den Col de Vars hoch, 2.109 m, und haben dabei die Höhenmeter runtergezählt. Nicht die bis zum Pass, die des Tages: 3.000, 3.100, 3.200. Man macht das, weil es hilft. Es hilft nicht.

Passhöhe des Col de Vars mit Schneegipfeln und hohen Wolken im Gegenlicht
Col de Vars, 2.109 m.

In Vars gab es abends ein Menü mit mehreren Gängen und einem Steak mit Pommes als Hauptgang. Von diesem Steak existiert ein Foto. Von der Cime de la Bonette, dem höchsten Punkt der gesamten Tour, existieren deutlich weniger. Ich finde, das beschreibt die Prioritäten des Tages ziemlich genau.

Abendessen in Vars: Steak mit Pommes im Drahtkorb und Salat
Das Foto vom Steak.
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Tag 3 12.6.

Vars → Valloire

116 km 2.960 hm

Der Col d'Izoard hat einen großen Namen, eine Casse Déserte, die aussieht wie ein Mondkrater, und eine Tour-de-France-Geschichte, die dicker ist als unser Gepäck. Wir sind ihn hochgefahren, haben oben ein Foto gemacht und sind wieder runter. Mehr gibt es dazu ehrlicherweise nicht zu erzählen. Nach Bonette und Baustelle war ein Pass, der einfach nur ein Pass ist, fast schon eine Beleidigung. Oben war es zum ersten Mal spürbar kühler, in der Abfahrt nach Briançon dann so kühl, dass wir das Mittagessen weniger als Pause und mehr als Aufwärmmaßnahme verstanden haben.

Der Galibier begann harmlos. Über den Lautaret hoch zieht sich die Straße, die Beine liefen, und irgendwo auf halber Höhe zog sich am Himmel etwas zusammen, das wir beide sahen und beide nicht kommentierten. Man kommentiert so etwas nicht. Kommentieren macht es real. Am Gipfel dann die Überraschung, die auf dieser Tour keine mehr war: Überfahrt gesperrt, Schnee. Zum Glück gibt es unter dem Galibier einen Tunnel. Der ist für Radfahrer verboten. Wir hatten zu dem Zeitpunkt eine Schranke, eine Baustelle und eine Lawine hinter uns, ein Verbotsschild war da nur noch Dekoration.

Oben am Galibier, vor dem Tunnel.

Auf der anderen Seite des Tunnels war eine andere Welt. Auf der Südseite Wolken, auf der Nordseite Nebel, Schneesturm und eine Sicht, die ungefähr bis zum Vorderrad reichte. Es waren nur noch etwa 15 km Abfahrt bis Valloire, also los, Kopf runter, durch. Nach 200 Metern haben wir angehalten. Manchmal braucht der Körper ein paar Sekunden, um dem Kopf mitzuteilen, dass der Plan nicht funktioniert. Wir haben am Straßenrand im Schnee alles angezogen, was wir dabeihatten. Drei Lagen, Regenhose, Überschuhe, Handschuhe, und darüber meine Windweste, von der ich in Nizza noch fest überzeugt gewesen war, dass sie wasserdicht ist. Sie ist es nicht. Das habe ich in dieser Abfahrt gelernt, und zwar ungefähr auf Höhe des Schlüsselbeins, wo der Schnee reinlief. Mangelnde Planung nennt man das. Ich hatte drei Wochen Zeit gehabt, das Ding einmal unter die Dusche zu halten. Ich habe stattdessen die Drohne eingepackt.

Wie wir unten angekommen sind, kann ich nicht im Detail rekonstruieren. Es gibt ein Video, auf dem man weiße Flocken, graue Straße und zwei Gestalten sieht, die aussehen, als würden sie einen Krieg verlieren. Das Hotel in Valloire hatte eine heiße Dusche, und ich habe selten etwas so geliebt. Anschließend haben wir unsere klatschnassen Klamotten im Speiseraum vor dem Kamin aufgehängt, jede Lage einzeln, mit dem schlechten Gewissen zweier Menschen, die wissen, wie drei Tage Radfahren riechen, und dem Rest der Gäste trotzdem beim Abendessen zugesehen. Es hat sich niemand beschwert. Vielleicht aus Höflichkeit. Vielleicht, weil man das in Valloire kennt.

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Tag 4 13.6.

Valloire → ?

149 km 3.300 hm

Tag 5 14.6.

? → Solothurn

246 km 2.040 hm

Tag 6 15.6.

Solothurn → Bad Saulgau

214 km 1.680 hm

Tag 7 16.6.

Bad Saulgau → Würzburg

256 km 1.320 hm

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